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Kunsthalle Arbon

St.Galler Tagblatt - Mittwoch, 22. August 2007

"Zwischen Slum und Wohnzimmer"

Kunsthalle Arbon: «L'état rochade» mit Sonja Vordermaier und Geelke Gaycken

Arbon. Chaos und Ordnung: Wie funktionieren komplexe Systeme innerhalb der Gesetze von Aufbau, Konsolidierung und Verfall? Mit Gesetzen der Kunst hinterfragen Vordermaier und Gaycken solche Strukturen.

martin preisser



Kunsthalle Arbon - L'état rochade - Sonja Vordermaier und Geelke GayckenWirklich gemütlich ist es in der Installation «L'état rochade» der beiden Hamburger Künstlerinnen Sonja Vordermaier und Geelke Gaycken nicht: Einen Fuss auf der Strasse, den anderen nahe an Spanplatten-Aufbauten, die an lateinamerikanische Favelas erinnern; den Blick auf Brockenhaus- und Baumarkt-Teile, auf Relikte banaler Wohnwelten, die zu skurrilen Objekten mutiert sind. Und doch ist diese raumgreifende Arbeit, die die Kunsthalle Arbon vor allem diagonal bespielt, seltsam anziehend. Der begehbare Laufsteg wurde vom Vernissagenpublikum jedenfalls rege benutzt. Und irgendwie ist ohne Erklärungen auch klar, was an dieser Installation betretbar ist oder wo man ein gefährlich labiles Gleichgewicht lieber nicht durcheinanderbringen sollte.

Kreativer «Urknall»

Wie aus einem Keim sei die erste gemeinsame Arbeit entstanden und nach einer Art kreativer «Urknall» habe sich «L'état rochade» immer schneller und mit zwingender Logik entwickelt, geben Vordermaier und Gaycken Auskunft, die ihr Werk in drei Wochen entstehen liessen. Diese Dynamik, diese kaum steuerbare und von den Künstlerinnen doch gesteuert werden müssende Entwicklung des Materials, ist in vielen Details der sehr skulptural gedachten Installation spürbar. Der Begriff «Staat» sei Symbol für raumgreifende Ideen, sagen die Künstlerinnen, der Staat als Skulpturenpark habe ihnen als Bild vorgeschwebt. Aufbau, Konsolidierung und Verfall, Konstruktion und Zerstörung, Planbarkeit und Unberechenbarkeit von Strukturen sind wichtige Prinzipien, mit denen «L'état rochade» gestaltet ist.

Einsam schnurrt ein Ventilator zwischen hohen zusammengesteckten Holzteilen, die als Ergebnis einer Genese erscheinen, die mit kleinen Miniatur-Holzkonstruktionen begonnen hat. Versteckt darunter ein Tischchen mit Holz-Kekswaffeln, der Traum von Gemütlichkeit verborgen und zugedeckt? Gummirohre neben einer erklimmbaren Bühne, über der eine Glühbirne den Besucher zur Selbstinszenierung einzuladen scheint. Ja, man stöbert herum in dieser Installation, lässt sich vom ständigen Blick- und Perspektivenwechsel beunruhigen und anregen. Bekannte Objekte werden durch absurde Attribute verfremdet. Chaostheorie schimmert durch, die unvorhersehbare Entwicklung von kleinsten Impulsen.

Witzig und albtraumhaft

Sonja Vordermaier und Geelke Gaycken spielen geschickt mit Gegensatzpaaren. Fragil und geordnet, witzig und albtraumhaft, offen und geschlossen, konkret und verfremdet, kindlich und durchdacht: In «L'état rochade» wird die Eigendynamik von sich akkumulierenden Strukturen erlebbar und gleichzeitig der Keim des (Selbst-)Verfalls von ungesteuerten Dynamiken. Was Kunst mit seinen ganz eigenen Gesetzen und seiner letztlichen Nicht-Definierbarkeit kann und darf, muss ein Staat mit seinen Gesetzen kontrollieren, steuern, verhindern, wenn er denn kann.

Konsequent also auch, dass Arbons Stadtammann Martin Klöti seine Begrüssungsrede auf raumplanerische Fragen abstellte. Städte im Umbau: Sonja Vordermaiers und Geelke Gayckens Arbeit steuert zu diesem Thema ein opulentes, witziges, aber auch beunruhigendes künstlerisches Symbol zu städtebaulichen Diskussionen bei.

Bis 22. September, Kunsthalle Arbon Mi/Fr: 17-19; Sa/So: 14-17 Uhr


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